Gedenkort Bergen-Belsen

Bis Ende Mai 1945 brannten die Briten wegen der Seuchengefahr die Holzbaracken im befreiten KZ Bergen-Belsen nieder. Zudem ließen sie Massengräber anlegen und kennzeichnen. 

Auf Anordnung der britischen Militärregierung wurde ein Teil des Geländes als Gedenkstätte gestaltet. 1952 weihte Bundespräsident Theodor Heuss eine Denkmalsanlage mit Obelisk und Inschriftenwand ein.

Heute ist Bergen-Belsen ein internationaler Gedenkort und zugleich Bildungs- und Forschungsstätte mit Dauerausstellung, Archiv, Bibliothek und einem breit gefächerten Lern- und Vermittlungsangebot.

  • Gedenkzeichen

    Gedenkzeichen

    Die ersten Gedenkzeichen auf dem ehemaligen Lagergelände setzten die Überlebenden selbst. An den Massengräbern stellten sie persönliche Tafeln und Gedenksteine auf. Diese wurden ergänzt durch großformatige Schrifttafeln, die von der britischen Armee kurz nach der Befreiung am ehemaligen Lagereingang aufgestellt worden waren. Sie informierten in englischer und deutscher Sprache über das Konzentrationslager. 

    Im September 1945 errichteten jüdische DPs anlässlich des ersten Kongresses der befreiten Juden in der britischen Zone ein provisorisches Mahnmal aus Holz. Für die meisten der jüdischen Überlebenden war Bergen-Belsen nicht nur ein Ort der Trauer um die Toten, sondern symbolisch mit aktuellen politischen Zielen verknüpft: der Auswanderung nach Palästina und der Gründung des Staates Israel. Vertreter des jüdischen Zentralkomitees erhoben diese Forderungen auch anlässlich der Einweihung des ersten steinernen Mahnmals zum Jahrestag der Befreiung im April 1946. 

    Kurz nach der Befreiung des Konzentrationslagers hatte sich im DP-Camp außerdem ein polnisches Camp-Komitee gebildet, unter anderem mit dem Ziel, das Gedenken an die ermordeten Landsleute wachzuhalten. Am 2. November 1945 wurde in Anwesenheit von mehreren Tausend Überlebenden, Vertretern des Vatikans und der britischen Militärregierung ein Hochkreuz aus Holz eingeweiht. 

    Im Dezember 1945 weihte die Sowjetische Militärmission im Eingangsbereich des Kriegsgefangenenfriedhofs Bergen-Belsen ein Denkmal für die sowjetischen Opfer des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen ein. 1950 wurde auf dem Gräberfeld der italienischen "Militärinternierten" ein provisorisches Denkmal von 1945 durch ein steinernes Ehrenmal mit Namenstafeln ersetzt. Nach Umbettung der Toten auf den zentralen Friedhof für italienische Kriegsopfer in Hamburg-Öjendorf wurde es 1958 abgetragen.

     
  • Gedenkstätte

    Gedenkstätte

    Die britische Militärregierung ordnete Ende September 1945 an, einen angemessenen Gedenkort zu gestalten. Die Pläne für das Gelände umfassten lediglich den Bereich um die Massengräber und sahen eine friedhofsähnliche Anlage vor. Eine internationale Kommission, in der auch Überlebende vertreten waren, empfahl im Sommer 1946, einen Obelisken und eine Inschriftenwand zu errichten. Im November 1952 wurde diese Gedenkstätte mit einem international beachteten Staatsakt eingeweiht. Die Verantwortung für sie wurde dem Bundesland Niedersachsen übertragen. Damit ist sie die älteste Gedenkstätte Deutschlands in staatlicher Trägerschaft. 

    Im Verlauf der 1950er Jahre geriet der Erinnerungsort Bergen-Belsen immer stärker in Vergessenheit. Eine Welle antisemitischer Schmierereien und öffentlichkeitswirksame Prozesse gegen SS-Täter führten dann zu Beginn der 1960er Jahre zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik. Dieses veränderte gesellschaftliche Klima führte zur Veröffentlichung der ersten wissenschaftlichen Publikation zur Geschichte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, dem Bau des Dokumentenhauses mit Dauerausstellung sowie Umgestaltungen des Gedenkstättengeländes. 

    Nach der Eröffnung des Dokumentenhauses im Jahre 1966 blieb Bergen-Belsen für lange Zeit eine Gedenkstätte ohne wissenschaftliches und pädagogisches Personal. Zwei Jahrzehnte später war dieser Zustand nicht mehr mit den Ansprüchen an eine umfassende Erinnerungsarbeit an den Orten der nationalsozialistischen Verbrechen zu vereinbaren. 1985 beschloss der Niedersächsische Landtag einstimmig, das Dokumentenhaus zu erweitern und eine Besucherbetreuung vor Ort zu organisieren. Im April 1990 konnte im erheblich erweiterten Dokumentenhaus eine neue Dauerausstellung eröffnet werden, die erstmals auch die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers einschloss. Mit der Einstellung wissenschaftlichen und pädagogischen Personals ab 1987, der Einrichtung von Seminarräumen und dem Angebot von Führungen wurden die Voraussetzungen für eine dauerhafte Gedenkstättenarbeit geschaffen.

     
  • Zeitzeugen

    Zeitzeugen

    Für die Überlebenden und ihre Familienangehörigen bedeutete ein Weiterleben nach der Lebenszäsur Bergen-Belsen eine bewusste und unbewusste Auseinandersetzung auch an ihren neuen Lebensorten. In den über 70 Jahren seit der Befreiung des Kriegsgefangenenlagers und Konzentrationslagers hat sich weltweit eine vielfältige Erinnerungskultur entwickelt. 

    Besonders in den ersten Monaten und Jahren nach der Befreiung hatten Überlebende häufig das Bedürfnis, Zeugnis abzulegen und Beweise der verübten Verbrechen zusammenzutragen bzw. zu sichern. Dies geschah durch die Erstellung von Toten- und Überlebendenlisten, das Verfassen von Tagebüchern, in dokumentarischen Zeichnungen oder Zeugenaussagen. Manchen Überlebenden war dagegen ein Weiterleben zunächst nur mit einer weitgehenden Verdrängung und dem Schweigen über die eigenen Verfolgungserfahrungen möglich. 

    Erst mit der Generation ihrer Enkel und aufgrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen konnten viele über das Erlebte und Erlittene sprechen. Impulse für die Auseinandersetzung mit Bergen-Belsen kamen oft von außerhalb, wie etwa durch den Eichmann-Prozess (1961), den Zweiten Golfkrieg (1990) oder durch den Tod von Familienangehörigen und Freunden. Erinnern bedeutete für viele Überlebenden daher auch (religiöses) Gedenken an Familienangehörige, die in Bergen-Belsen umgebracht worden sind. 

    Deutlich erkennbar wurden die Relevanz der Entwicklung der politischen und gesellschaftlichen Bezugsrahmen sowie der Einfluss der kollektiven Erinnerungskulturen für die individuelle Erinnerung. Die Entwicklung der Erinnerungskultur an Bergen-Belsen im jeweiligen Land war abhängig von der Bedeutung der Überlebenden für das staatlich-politische Selbstverständnis. Dieses zeigt sich am Umgang mit den Überlebenden und ihren Verbänden durch Verschweigen und zum Teil sogar in der Verfolgung, u.a. in Ungarn und der ehemaligen Sowjetunion, im Gegensatz dazu steht die staatliche Rezeption der Shoah in Israel. 

    In der unmittelbaren Nachkriegszeit, der Zeit nach der Befreiung und Rückkehr in die Heimatländer oder der Emigration stand bei der Errichtung von Mahnmalen die Totenehrung auf Mahnmalen und auf (privaten) Gedenksteinen im Vordergrund. Orte der individuellen Trauermöglichkeit wurden geschaffen, um die räumliche Entfernung zu dem Todesort und die unwürdige Bestattung in Massengräbern zu überwinden bzw. zu kompensieren. 

    Mit der zeitlichen Distanz und erneutem Erstarken von Antisemitismus erhielten die Mahnmale in den 1960er Jahren zusätzlich die Funktion der Mahnung und Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen. Überlebendenverbände initiierten die Errichtung einer Kopie des jüdischen Mahnmals in Bergen-Belsen in Jerusalem und in Montreal. Die Memorials verdeutlichten teilweise auch personelle Kontinuität von Führungseliten des DP-Camps Bergen-Belsen bis in die (jüdischen) Überlebendenverbände in Kanada, USA und Israel.

     
  • Neugestaltung

    Neugestaltung

    Seit 2000 wurde das Gesamtprojekt der Neugestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen durch das Land Niedersachsen und aus Mitteln des Bundes gefördert. Dadurch wurden weltweite Archivforschungen sowie eine umfangreiche Erweiterung der Sammlung mit Zeugnissen zur Geschichte des Ortes ermöglicht. Im Rahmen mehrerer Projekte entstand unter anderem eine bedeutende Quellensammlung mit inzwischen fast 400 lebensgeschichtlichen Video-Interviews mit Überlebenden des Konzentrations- und des Kriegsgefangenenlagers sowie ehemaligen Bewohnern des Displaced Persons Camps.

    Ziel der Neugestaltung war die Errichtung eines Dokumentationszentrums mit einer neuen Dauerausstellung sowie die Einbeziehung des gesamten früheren Lagerareals in das Gedenkstättengelände. Das Dokumentationszentrum konnte am 28. Oktober 2007 im Beisein zahlreicher Überlebender und ihrer Angehörigen eröffnet werden. Im Rahmen der Außengestaltung des ehemaligen Lagers wurde im Juni 2012 ein Besucherleitsystem zur Erläuterung des historischen Orts mit Informationsstelen und Lesezeichen fertiggestellt.